4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYHonigkuss - gesellschaftskritische Literatur
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Salwa El Neimi, Honigkuss, übersetzt von Doris Kilias, Hoffmann und Campe, 2008, 125 Seiten

Meist diskutieren wir über die gesellschaftlichen Tabus, die Bestrafungen der Frauen und die Verhüllungen, wenn wir arabische Welt sagen und islamische Welt meinen. Aber, ebenso wie in China und Indien hat die arabische Kultur alte Denker und Gelehrte, die erotische Bücher verfassten und dabei sehr ins Detail gingen. Wenn man Honigkuss liest, fließt man nicht nur in eine wunderschön geschriebene erotische Geschichte, sondern kommt auch in Berührung mit Gelehrten wie Mohammed Ibn Zakarija, Ibn Al Azrak, Ibn-Arabi, Al-Djahiz, Achmed Ibn Jussuf al-Tifaschi, Ali Ibn Nasr, al-Samual Ibn Jachja, Nasr al-Din al-Tusi, Mohammed al-Nafzawi, Achmed Ibn Sulaiman, Ali al-Katibi-al-Kazwini, al-Sujuti, al-Tidjani und auch einer weiblichen Gelehrten, Al Alfija. Al-Alfija wird auch „die Tausenderin“ genannt.

„In den Büchern heißt es wortwörtlich: Sie hat tausend Männer gevögelt.“
Al Alfija war ebenso wie ihre Kollegen Gelehrte für das Liebesleben. Sie und ihre männlichen Kollegen lehrten nicht nur die verschiedenen Stellungen, die Reaktionen des Partners und die konkrete Benennung der sinnlichen Organe, nein, sie lehrten ebenso wie man das Herz des anderen erobert, wie man erkennt ob ein erotisches Interesse besteht, wie man behutsam und liebevoll miteinander umgeht, damit der sexuelle Akt ein Genuss wird. Diese Zitate sind harmonisch und behutsam in die Geschichte eingeflochten. Betont wird dabei ausdrücklich das Wohltuende und Gesunde am Geschlechtsverkehr.

„Keiner von euch soll über seine Gattin wie ein Stück Vieh herfallen. Lasst den Kuss und das Gespräch euer Mittler sein.“

„Ja, jetzt kann ich zurückkehren in die Welt – erleuchtet von seinem Geschmack: von sämigem Weiß, süß, berauschend wie das Aroma des Kamphers.“

„Lob und Dank sei Gott, der dem Mann mit der Vulva der Frau und der Frau mit dem Penis des Mannes den größten Genuss bereitet. Denn die Vulva kann sich nicht entspannen, zur Ruhe kommen und Befriedigung erlangen, ohne vom männlichen Glied aufgesucht worden zu sein, wie denn auch das männliche Glied keine Erleichterung findet, ehe es nicht vom weiblichen Geschlechtsteil freudig aufgenommen worden ist.“

Es wird geraten, dass der Mann badet und sich pflegt, aber nicht nur das:

„Er (der Mann) muss von feinfühligem Gemüt sein und sich leicht zu Tränen rühren lassen, auf dass er nach Belieben weinen kann …. Er soll ihr in flammenden Worten gestehen, dass er sich vor Leidenschaft nach ihr verzehrt.“

Die Geschichte handelt nicht von einem einzigen Mann, sondern die Protagonistin (Ich-Erzählerin) entdeckt zu Schulzeiten ihre eigene Sexualität und lebt diese hinter einem Schleier frei aus. Es ist ihr Geheimnis, das nicht mit ihrem im Vordergrund stehenden späteren Eheleben kollidiert. Aus dieser Verschwiegenheit heraus und ohne weitere Bindung an die Männer, mit denen sie erotisch leben kann, existiert eine Art Vakuum, wo sie sein kann, wie sie ist. Sie redet nicht darüber, auch nicht mit ihren engsten Freundinnen, wird so aber zur Beobachterin der moralischen Konflikte der Frauen, ihrem Umgang mit weiblicher Sexualität und ihren Qualen. Sie tritt niemals hervor oder gibt Ratschläge. Sie lebt einfach ihre körperliche Sinnlichkeit. So gesteht sie bereits am Anfang:

„Es gibt Menschen, die Geister beschwören – ich beschwöre Körper. Ich weiß nichts über die Seelen anderer, aber ich kenne meinen Körper und den der anderen. Das genügt mir.“

Eine besondere Begegnung ist jedoch „der Denker“. Der Denker teilt mit ihr all die Geheimnisse der erotischen Gelehrten, die in den Buchregalen der Väter verstauben. Erst mit der Verständigung, der Sprache und dem gemeinsamen Wissen entwickelt sie sich erotisch weiter, wie sie es zuvor nicht geträumt hatte. Gemeinsam entdecken sie die Seidenstrasse, den Nussknacker, das Perlen fädeln.
Sie erlebt, dass sie als erotische Frau leben und von innen heraus noch schöner werden kann und sie ist damit nicht allein. Sie hat den Denker und die Überlieferungen.

„Sie sprach zu ihrer Tochter: „Beim Geschlechtsverkehr musst du dein Vergnügen laut bekunden. Wisse, dass ich bei Othman Ibn Affan … so laut stöhnte, dass seine Kamele vor lauter Schrecken in die Wüste liefen und nie wieder gesehen wurden.“ (al-Huba von Medina).

Aber der Denker beginnt von Liebe zu reden und damit ist die Protagonistin überfordert. Er verlässt sie und sie ist kreuzunglücklich bis sie weitere Denker entdeckt und nichts vermissen muss. Anlass für das Aufschreiben der Geschichte ist ein Auftrag ihres Chefs – sie ist Archivarin – über die alten erotischen Schriften einen Artikel zu verfassen und so gelingt ihr ein weiterer Schritt, nämlich das Verlassen des heimlichen Vakuums, das kein Geheimnis mehr bleibt.
Ein sehr lesenswertes, beinahe wie ein Märchen geschriebenes Buch der Journalistin Salwa Al Neimi. Geboren wurde sie in Damaskus, Syrien, wo sie arabische Literatur studierte. Heute lebt Salwa Al Neimi in Paris.

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