4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYMein Leben ist mein Sonnentanz - gesellschaftskritische Literatur
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Mein Leben ist mein Sonnentanz

Leonard Peltier

Übersetzt von Katrin Ehmke, Verlag Zweitausendeins 1999

Ich habe dieses Buch gelesen, weil ich selbst plötzlich unschuldig einer Straftat beschuldigt wurde. Ich wurde auf der Straße vorsätzlich angegriffen, also getreten und geschlagen und später wurde das alles herumgedreht gegen mich, vorhandene Zeugen wurden gar nicht ermittelt und nicht gehört und der Täter selber stellte sich unter Zeugenaussage seiner Ehefrau (die einzige Zeugin, die zugelassen wurde) als Opfer dar, mit Lügen, die beweisbar überhaupt nicht stattgefunden haben. In dieser Zeit, die sich wegen der ständigen Verschiebung von Gerichtsterminen in die Länge zog mit Uneinsichtigkeit der Staatsanwaltschaft und des Gerichts brauchte ich dringend innere Unterstützung, um nicht dauergestresst zu sein. Schließlich bin ich nicht der einzige Mensch auf Erden, dem eine solche Ungerechtigkeit widerfährt. Ich wollte wissen, wie machen andere Menschen das und da las ich das Buch von Leonard Peltier, das mir sehr geholfen hat.

Zunächst vorab: Ich finde es unfassbar, dass ein Mensch wie Leonard Peltier seit nunmehr 41 Jahren unschuldig in Haft verbringt, trotzdem sich Millionen Menschen für ihn eingesetzt haben. Präsidenten kamen und gingen. Niemand hat sein Gnadengesuch anerkannt. Mir ist klar, dass der Abbau von Bodenschätzen ein hart umkämpftes Gut ist, aber an Schicksalen wie diesem eröffnet sich einem die ganze Unmenschlichkeit solcher Gesellschaftszweige.
Das Buch, das 1999 erschien, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Ich finde es sehr lesenswert und lege es jedem ans Herz. Ich mag auch die darin enthaltenen Gedichte. Sie sind sehr schön und eindrücklich. Ich hoffe sehr, dass Leonard Peltier in der Lage ist, weiterzuschreiben.

Aber nun zu dem Buch:
Ich dachte, was ist denn ein Sonnentanz und wie kann jemand, der im Gefängnis sitzt mit der Sonne tanzen, wo er doch eingesperrt ist und unter grausamen Umständen leben muss? Vielleicht könnte ich auch so tanzen und auf diese Weise für mich Gerechtigkeit herstellen?
Wenn ich das richtig verstanden habe, ist aber der Sonnentanz nur für Männer. Es ist ein Ritual, in dem junge Männer lernen, den Schmerz zu beherrschen.

“Wenn du dein Fleisch im Sonnentanz darbietest, wenn du durchbohrt wirst, spürst du jede Einzelheit dieses Schmerzes wie tausend Nadelstiche. Nicht das Geringste wird dir erspart. Und doch findet eine Trennung statt, eine Ablösung. Du wirst Teil eines höheren Wesens, so dass du gleichzeitig den Schmerz spürst und sich selbst diesen Schmerz verspüren siehst. Und irgendwie geschieht es dann, dass dieser Schmerz greifbar wird und begrenzt ist. Während die geschmolzene, glühend heiße Sonne durch deine Augen in dein inneres Wesen fließt, während die in deiner Brust steckenden Spieße an deinem schreienden Fleisch ziehen und zerren und reißen, verbreitet sich langsam eine seltsame, machtvolle Klarheit in deinem Geist. Der Schmerz explodiert in einem hellen, weißen Licht, er wird die Erleuchtung. Es ist die wortlose Vision davon, was es bedeutet, mit allem Sein und allen Wesen verbunden zu sein.”

Ich habe als Frau also keine Chance auf einen Sonnentanz. Außerdem gibt es nichts Vergleichbares in unserer Kultur. Aber das Resultat, nämlich, mich mit allem Sein und allen Wesen verbunden zu fühlen, das kenne ich, daraus schöpfe ich meine Kreativität, meine Phantasie. Ich muss gar nichts erlebt haben, das Verbundensein ist die Quelle, aus der ich schöpfe und die mich unfassbar reich macht. Woher ich das aber habe, ist mir ein Rätsel. Das einzige, was ich weiß, ist, dass diese Art des Denkens und Seins so wertvoll ist, dass ich es erhalten will, was manchmal im Alltag nicht so einfach ist. Auch liegt darin ein großer Trost:

“.. wirst du für den Rest deines Lebens nie wieder diese größere Wahrheit vergessen, von der wir alle ein vertrauter und wesentlicher Teil sind und die uns alle liebevoll wie eine Mutter in den Armen hält. … dort kann selbst der bemitleidenswerteste Gefangene Trost finden.”

Vielleicht hört es sich alles ein bisschen esoterisch an, das ist es aber nicht. Es ist eine innere Haltung und aus dieser inneren Haltung heraus bleibt eine unbezahlbare menschliche Würde.

“So hat der Sonnentanz selbst das Gefängnisleben für mich erträglich gemacht.
Ich bin ungebrochen.
Mein Leben ist mein Sonnentanz”
.

Es ist die Art, aus dem Fenster zu fliegen, auf dem Mond spazieren zu gehen und die Orte aufzusuchen, die im Verborgenen liegen. Dieses Denken durchzieht das gesamte Buch und das macht es so wertvoll.

Nun ist es natürlich, in der eigenen Unvollkommenheit auch wütend zu sein, aber Wut zerstört nicht nur andere, sondern auch denjenigen, der die Wut trägt. Deswegen ist es wichtig, die Dinge zu sehen, wie sie sind, um nicht die Wut derjenigen, die sich ungerecht verhalten, anzunehmen und davon beeinträchtigt zu werden.

“Diejenigen, die mich hierhergebracht haben und von meiner Unschuld wissen, können sich am sicheren Lohn erfreuen. Ihr Lohn ist, wer und was sie sind. Das ist der grausamste Lohn, den man sich vorstellen kann.”

Einen ähnlichen Satz habe ich nach der Beendigung des Gerichtsverfahrens gesagt, denn ich habe akzeptiert, eine Strafe zu zahlen für eine Schuld, die ich nicht begangen habe. Der Täter, der sich als Opfer darstellte, einschließlich seiner Ehefrau, die zur Mittäterin wurde, müssen mit dieser Schuld leben und werden sich zeitlebens nicht aufrecht in ihr eigenes Gesicht sehen können. Das ist mir genug, denn ich bin nicht diejenige, die richtet. Das macht Wakan Tanka, Tunkasilah, das Große Geheimnis.

Der Glaube an ein Großes Geheimnis macht demütig und in der Demut liegt geballte Kraft, nicht in der Verachtung oder in der Herabsetzung, einer vermeintlichen Stärke gegenüber Schwächeren.

Das Ziel ist die Erschaffung einer gerechten Welt.
“Ich weiß nicht, wie die Welt zu retten ist… Ich weiß nur eins: ohne Mitgefühl und Respekt für alle Bewohner dieser Erde wird keiner von uns überleben – oder dies verdienen.
Gib nie den Kampf für Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen auf. Beharre auf dem, was du tust, und lass dein Gewissen durch niemanden ins Wanken bringen.
Wir erwarten oder fordern von den anderen keine Unvollkommenheit. Unsere Unvollkommenheit macht ja das Menschsein aus.”

In diesem Sinne sind alle Wesen und alles Sein miteinander verbunden. Tatsächlich war es so, dass ich mich am Ende des Buches im Inneren von Leonard Peltier berührt fühlte, was ein schönes und friedliches Gefühl war und ist.

“Wir sind nicht getrennt
Wir sind keine getrennten Wesen, du und ich.
Wir sind verschiedene Fasern des gleichen Wesens.
Du bist ich und ich bin du
Und wir sind sie und sie sind wir.
So sollen wir sein,
jeder von uns einer, jeder von uns alle.
Du greifst durch die Leere des Andersseins nach mir
Und berührst deine eigene Seele!”

Ich habe den Schwerpunkt der Buchbesprechung auf die innere Haltung von Leonard Peltier gelegt, darauf, wie er es schafft in dieser Gefängnishölle zu überleben, ohne seine Würde zu verlieren oder verzweifelt zu sein, was nur menschlich wäre, denn

“Sie bringen dich hier drin nicht nur einmal um, sie tun es jeden Tag. Und jeden Tag werden wir wieder geboren, ob man es mag oder nicht, um wieder zu leben – und zu sterben.”

Aber
“Nie würde ich zu dem werden, was sie von mir wollten. Ich weigerte mich, ihr Opfer zu sein. Ich bin kein Opfer. Ich bin ein Krieger. Ich ertrage meine Schmerzen wie ein Krieger, innerliche wie äußerliche, ohne zu jammern, ohne zu winseln, wie wir es im Sonnentanz lernen.
Sie konnten meinen Körper lebendig begraben, aber meinen Geist konnten sie nicht anrühren.”

Die innere Haltung ist nur ein Teil des Buches. Peltier schildert ausführlich indianisches Leben in den Reservaten, Umsiedlung und Auflösung, die Fortsetzung der Vernichtung des indianischen Volkes, Hunger, Armut und willkürliche Verhaftung und Ermordung von Männern, Frauen, Kindern und Alten, der Versuch, sich gegen das Brechen staatlicher Verträge gegenüber Indianern zu wehren. Er schildert den täglichen Überlebenskampf im Zusammenhang mit Politik und wirtschaftlichen Interessen und was es bedeutet, ein Indianer zu sein.

“Wenn du als Indianer aufwächst, brauchst du nicht zum Verbrecher werden, du bist bereits ein Verbrecher. Unschuld wirst du nie kennen.
Ich war und bin stolz darauf, einer dieser „dreckigen“Indianer gewesen zu sein. So wurde ich ohnehin mein ganzes Leben lang genannt.
Mein Verbrechen ist es, Indianer zu sein. Welches ist deins?”

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