4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYSalz auf unserer Haut - gesellschaftskritische Literatur
Ankündigung
13. Oktober 2017
Wut ist ein Geschenk
23. Oktober 2017

Ich wähle für den Geburtstag meiner Webseite – und damit meine ich den öffentlichen Auftritt mit Texten, die ich lange zurückgehalten habe – Benoîte Groult mit ihrem Buch „Salz auf unserer Haut“ (übersetzt von Irène Kuhn). Auch Benoîte hat ihr Buch zurückgehalten. Sie veröffentlichte das Buch als sie bereits über sechzig Jahre alt war und wurde für die Veröffentlichung von freizügiger Literatur sehr kritisiert. Ich kenne kein Buch, das so schön erotische Begegnung und Sex literarisch erzählt. Wer es also noch nicht gelesen hat, dem lege ich es wärmstens ans Herz. Den Inhalt, denke ich, kennen die meisten, eine Tochter aus gutem Hause „George“ beginnt eine erotische Beziehung mit einem Fischer „Gauvin“. Die beiden kennen sich aus ihrer Kindheit. George spielte mit Gauvins Schwestern und wurde von Gauvin und ihren Brüdern geärgert. Beide begegnen sich als Erwachsene immer wieder, trotzdem Welten und Ehen sie trennen. Sie tragen ein Feuer der Leidenschaft, Liebe und Lust zueinander im Herzen und leben es aus, wann immer es ihnen möglich ist. Oft am Strand, wo das Salz des Meeres auf ihrer Haut zurückbleibt.

„… Gischttropfen glänzten zwischen seinen gebogenen Wimpern. Vielleicht waren es doch Tränen. Unsere Lippen haben sich wieder vereint, sich voneinander gelöst und sich lachend wiedergefunden, ganz glitschig vom Wasser des Himmels, das köstlich schmeckte und diese Schwärze der Luft, die Melancholie des feuchten Strands und die Gänsehaut des Meeres unter den Regentropfen… (Er) formte mich behutsam aus dem wunderbaren Material der Erwartung.“

Aber auch in Paris schlüpften sie in die Geborgenheit eines Hotels:

„Seit Gauvin sein Versprechen gehalten hat und für ein paar Tage nach Paris gekommen ist, kann ich nicht mehr schlucken und nicht mehr schlafen. Mit hat es buchstäblich die Kehle und den Magen zugeschnürt, mir ist schwer ums Herz und meine Knie sind weich – als ob die Geschlechtsfunktion alle anderen mit Beschlag belegt hätte. Und außerdem habe ich Feuer zwischen den Beinen… „Weißt du, dass ich Feuer an einer gewissen Stelle hab?“ sage ich zu Gauvin … „Du hast Feuer an einer Stelle, an die ich unentwegt denke“, antwortet er honigsüß.

Und sie treffen sich auf den Seychellen:

„Er (der Penis) ist glatt wie der Stamm einer Kokospalme und merkwürdig gebogen, wie dieser Baum es manchmal auch ist, und hellbeige, keineswegs bläulichrot. Es gefällt ihr, dass der Begriff „Schwellkörper“ nicht auf ihn passt. Der runde Kopf erinnert sie jetzt, wo er sich von seinem Häutchen befreit hat, an einen Spazierstockknauf … Sie drückt diesen Knauf in ihrer Handfläche … Er ist eine Nummer zu groß für sie, das ist ganz klar. „Hätten Sie nicht das gleiche Modell eine Nummer kleiner?“ flüstert sie ihm ins Ohr. „Dieses passt nie und nimmer…“ Anstatt zu antworten legt er noch einen Zoll zu, dieser Schuft. … sie antwortet, dass sie es manchmal mag, wenn er brutal ist, und er glaubt ihr nicht …

Die Geschichte basiert auf einer erotischen Beziehung Benoîtes zu Kurt Heilbronn, einem deutschstämmigen amerikanischen Offizier, den sie in Paris kennenlernte und mit dem sie zeitlebens eine leidenschaftliche Beziehung pflegte. Sie hat es geschafft, diese Leidenschaft so in literarische Worte umzusetzen, dass sie für den Leser fühlbar wird. Aus meiner Sicht ist diese Nachfühlbarkeit das Wichtigste überhaupt, nicht nur in der Literatur allgemein, sondern auch insbesondere in der erotischen Literatur. Möglich war ihr diese jahrelange Begegnung mit ihrem Liebhaber, weil sie eine offene Ehe führte. Der Wert der Offenheit stand für sie und ihren Ehemann weit über der Eifersucht, die natürlich auch vorhanden war, aber als im Zaum zu halten galt. Benoîte gilt als Feministin und Kämpferin für die Rechte der Frau u.a. im Hinblick auf das Recht der Frau auf erotische Beziehungen. Irritierend empfinde ich in diesem Zusammenhang, dass sie bei ihrem Ehemann aber offenbar akzeptierte, dass er nicht verhüten wollte und sie deshalb üble Abtreibungstechniken hinnahm – die Abtreibung war damals noch verboten und die Pille nicht üblich bzw. noch nicht auf dem Markt – während ihr Liebhaber selbstverständlich Kondome benutzte.

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