4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYdrechsler - gesellschaftskritische Literatur

Alles dreht sich: Kunst, Sinnlichkeit, Mathematik und Handwerk in einem

drechseln
In einem Münzenberger Garten drehen sich Flugzeugpropeller, Mühlräder, Flügel und die gute alte Drechselmaschine einer ehemaligen hiesigen Schreinerei. Gerd Schmidt hat sich als Pensionär einen Lebenstraum erfüllt.
Zwei Maschinen, eine Menge Werkzeug wie Beitel, Diamantfeile, und Holz aller Arten füllen die Werkstatt, außerdem ein Ofen aus Uromas Zeiten mit einem riesigen Topf, in dem er die hergestellten Kunstgegenstände trocknet. Denn Kunst ist es, was unter seinen großen Schweißerhänden wächst. Schalen, Kugeln, Näpfchen, Döschen und Kugelschreiber aus naturbelassenem Holz mit wunderschönen Maserungen zieren bereits seine Vitrinen. Einige Jahre hat er geübt und gelernt, bis die Gefäße gelangen. Jedes Jahr zum Martinimarkt in Münzenberg stellt er seine Kunstwerke aus.

„Es ist wie früher, mein Mann steht morgens auf und geht zur Arbeit in den Schuppen,“ erzählt Ehefrau Gerda. Aber Gerd Schmidt ging als Sattler und später Schweißer nicht nur morgens zur Arbeit, sondern er flog durch die ganze Welt, arbeitete in Saudi-Arabien oder Griechenland. Monatelang konnte er nicht bei seiner Münzenberger Familie sein. Von seinen Reisen brachte er Muschelgeld und interessante Hölzer mit. Seine Rohstoffe, die er dreht, wachst, ölt und liebevoll in Form bringt, sind sowohl heimisch als auch aus der ganzen Welt, in der er sich gut auskennt.

Ein Banksia-Zapfen aus Australien wird zu einer ungewöhnlichen Kugel, die an jedem Weihnachtsbaum auffiele. Aus edlem Ebenholz und Silber drechselt er filigrane Kugelschreiber. Hinter Kokobolo, Wenge, Amaranth und Wachholder verbergen sich nicht nur angenehme Düfte, sondern auch interessante Farbtöne. Wo Amaranth mit seinen Rottönen an die untergehende afrikanische Sonne erinnert, färbt sich Wacholder bläulich-violett. Bekannt sind die Maserungen der Olive, aber auch Apfelholz und Kirsche zeichnen seltene Linien auf Schalen oder Vasen.

Wann immer irgendwo Holz abfällt, sammelt Gerd Schmidt es ein. Als ein Nachbar einen Wacholder fällte, holte er sich den ganzen Baum, die Reste einer geschreinerten Treppe lagern im Schuppen, aus einem Wengeparkett drechselte er schwarze Kugeln. Das Drechseln ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit und ca. 3.500 Jahre alt. Schon Peter der Große oder Kaiser Maximilian waren begeisterte Drechsler. Neben der sinnlichen Holzverarbeitung, Farben, Gerüchen und Formen diente das Drechselhandwerk auch der Erforschung mathematischer Probleme, wie die Erstellung von Kurven und Ovalen.
Die Hölzer der Welt und die Vielfalt der Formen sowie deren Kombination sind praktisch grenzenlos. Daher liebt es Gerd Schmidt in seinem Werkschuppen mit den Möglichkeiten zu spielen. Nicht immer kommt dabei ein gebrauchsfertiges Produkt heraus. Jedes Gefäß und jede Kugel ist begleitet von einem ganz eigenen Prozess des Werdens, jedes Ergebnis ein kleines Wunder. Mit Stolz konnte der Drechsler ein Spendengefäß für die Münzenberger Synagoge überreichen und besonders gern schaut er sich die Kirschbodenvase auf dem Kirschparkett an, wenn er an den Abenden die Stiefel vor dem Drechslerschuppen abgestellt hat.
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