4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYEva Pusztai - gesellschaftskritische Literatur

Die Auschwitz-Überlebende, Eva Pusztai, erzählt Schülern, warum sie nie wieder deutsch sprechen und nie wieder deutschen Boden betreten wollte

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„Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken dreitausend Menschen vergast.“ schrieb Tadeusz Borowski in „Bei uns in Auschwitz“. Es geschah an einem Sonntag, als der für das Sonderkommando abgestellte polnische Häftling Fußball spielte. Man kann annehmen, dass es sich bei der „bunten, sommerlichen Menge“ um jüdische Menschen aus Ungarn handelte. In nur viereinhalb Tagen hatte man 45.000 Menschen aus Ungarn deportiert und 35.000 sofort vergast, so Eva Pusztai am in einer Realschule vor Schülern der 9. und 10. Klasse.
Ihre Mutter (39), ihr Vater (49) und die elfjährige Schwester gingen „durch den Schornstein.“ Vor der Selektion sei man „noch Jemand“ gewesen, ein Familienmitglied mit Familie. Danach war die damals Achtzehnjährige allein. Allein in der Welt fühlt sie sich bis zum heutigen Tage. „Warum habe ausgerechnet ich überlebt?“ ist die Frage, die sie durch das Leben begleitet. „Man sollte dort bleiben im Sumpf bei der Asche von den Familienmitgliedern. Warum habe ich das Glück gehabt?“ Nach ihrem Transport in einem Viehwaggon wurden Männer und Frauen getrennt. Alle mussten sich in Fünferreihe aufstellen. „Ich mache mir immer noch Vorwürfe, weil ich mich von meinem Vater nicht verabschieden konnte, auf einmal war er weg. ... Ich habe sehr geachtet, dass ich mit meiner Mutter bleibe ... auf einmal ist man zu Mengele gekommen und es ist die Selektion gekommen und dass man das nicht gewusst hat von einer Minute auf die andere war ich allein, alle anderen sind auf die andere Seite selektiert. Das hat man damals nicht begriffen. Eine Sekunde früher habe ich noch meine Familie gehabt. Von dieser Sekunde an, war ich allein.“
Viele Menschen wollten mit denen, die sie liebten, zusammenbleiben, so sind Mädchen zu ihren Müttern gelaufen, die für das Gas selektiert waren und mit ihnen gestorben. Erst seit 2004 kann Eva Pusztai über ihre Erlebnisse sprechen. Angefangen hat es mit einer Anfrage aus Stadtallendorf. Es starben Kühe auf einer Weide, auf der ehemalige Dynamit-AG gestanden hatte. Dort war noch immer das Gift, dem die Häftlinge bei ihrer Zwangsarbeit ausgesetzt waren. „Da kommen die Zitronen,“ hatten die damaligen Allendorfer ihnen nachgerufen, da sie durch die ätzenden Chemikalien gelbe Haare und Haut bekommen hatten. Das Lager von Münchmühle sei eine Erlösung von Auschwitz gewesen, jeder habe ein eigenes Bett gehabt. Sie werde immer gefragt, warum sie nicht geflüchtet sei, aber „man sah doch sofort, dass wir Häftlinge sind“ antwortet sie dann, denn sie trugen tagein tagaus dasselbe Leinenkleid und einen zusammengeflickten Mantel mit einem Zeichen darauf. Außerdem wurde gezählt. „Wenn man nicht zum Appell ging, war das Selbstmord. Einmal wollte das Mädchen, das unter mir schlief, nicht zum Appell gehen, da habe ich ihr schöne und lange Geschichten erzählt, bis sie zum Appellplatz ging. Ich schwöre, dass es anders herum war, dass sie mir diese Geschichten erzählt hat und ich nicht zum Appellplatz gehen wollte. Wir erinnern uns so daran, dass wir gegenseitig unser Leben erlöst haben.“ erzählt sie anschaulich über die Zeit, die jeglichen Dimensionen entrissen ist. Ein Weg der, wie sie heute weiß, für einen gesunden Menschen ein fünfzehnminütiger Spaziergang ist, war damals kilometerlang, ausgehungert, krank und schwach, voller giftiger Dämpfe hatten sich die jungen Mädchen den Weg vom Lager zur Arbeit in der Rüstungsindustrie geschleppt. „Meine Gruppe der ehemaligen Häftlinge sprechen über das Museum, als wäre es unser Museum, weil dort unsere Erinnerung gepflegt wird,“ schätzt sie die heutige Arbeit der Stadtallendorfer.
45 Jahre lang ist Eva Pusztai nicht nach Deutschland gekommen. Sie sprach kein einziges deutsches Wort mehr, trotzdem es die Sprache ihrer Großelterngeneration war. Sie wollte nichts über Deutschland wissen. Aber durch den Kontakt und das Interesse der Stadtallendorfer schrieb sie ihre Erinnerungen auf und begann, vor jungen Menschen in Deutschland zu sprechen. „Warum machen wir das?“ fragt sie für sich und Andreas Frankl. „Wir sind sündhaft optimistisch. Ohne Optimismus kann man nicht leben.“ Als sie 1945 Deutschland verließ, glaubte sie nicht, dass sie eines Tages dazu beitragen werde, junge Menschen in Deutschland zu erziehen. Heute schätzt sie die Auseinandersetzung der zweiten Nachkriegsgeneration mit dem Holocaust sehr hoch. „Wie wäre es mit Euch, wenn man euch diese Theorien erzählen würde und euch zu Rasenhass hetzen würde? Was würdet ihr tun?“ fragt sie denn auch die Schüler. Es sei sehr wichtig, Kenntnisse zu besitzen aus der Vergangenheit und erforderliche Konsequenzen zu ziehen. „Als ich ein Kind war in Eurem Alter ist es mir nicht eingefallen, heute denke ich, dass die Jugendlichen der wichtigste Teil der Gesellschaft sind. Bald seid ihr erwachsen, die Welt wird so ausschauen, wie ihr die Welt macht. Welche Welt werdet ihr schaffen? Das Lernen sei der wichtigste Weg weg vom Dummkopf, dem man alles erzählen kann zu einem klugen Menschen mit Mitgefühl und Verstand. Sie hoffe darauf, dass die Schüler, die bald erwachsen sein werden, „klug und gut die Welt regieren, ich wünsche euch dazu viel Mut. Ich wünsche euch mehr Verstand, als unsere Generation hatte.“
Nach 45 Jahren kehrte Eva Pusztai auch noch einmal nach Auschwitz zurück, wo sie im Sommer 1944 inhaftiert war. Sie habe das, was sie damals verließ, nicht wieder finden können. „Als ich nach Auschwitz zurückgegangen bin, wuchs dort Gras, damals aber kam kein einziger Halm heraus, es war unmöglich, dass nur ein Fädchen von Gras wuchs, weil immer darüber marschiert wurde. Es gab ansteckende Krankheiten, es gab Rubeola (Scharlach) und dazu einen Durchfall.“ An die Schüler gerichtet fragte sie: „Könnt ihr Euch vorstellen, dass zehntausende Menschen Durchfall hatten, die die Baracken nicht verlassen durften, in denen es keine Latrinen gab?“ „Könnt ihr Euch vorstellen, dass Zehntausende Menschen kein Wasser hatten in der Hitze von Juli August, dass sie nicht die Hände waschen konnten, nichts zum Trinken hatten? Es war ein Sumpf da, wir haben das Wasser gesehen und konnten aus dem Wasser nicht trinken, es war verseucht.“
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