4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYLaborbeagle - gesellschaftskritische Literatur

Vom Leben der Beagles nach dem Labor

beagle
In einem kuscheligen Körbchen wälzen, Leckerlis mampfen, durch das Unterholz sausen, eine feuchte Schnauze auf ein warmes Bein legen, ein Mensch, der mit einem spricht, Hände, die das Fell kraulen; ein Sonnenbad, alles keine Selbstverständlichkeit für Lilli, Happy, Paul und Nepomuk. Das frühere Leben in der Welt der Beagles nämlich war ein Labor.
Blutabnahme, Impfen, Antiparasitenspray waren noch die harmloseren Behandlungen, denen die scheckigen Kurzhaare an unbekannten Orten dieses Planeten ausgesetzt waren. Tests für Herzmedikamente, Hormone, Erforschung von Toxika wie Pflanzenschutzmittel oder chemische Haushaltsprodukte keine Seltenheit. Ganz zu schweigen von Nierenmanipulationen, Blutgefäßprothesen, künstlichen Gefäßverschlüssen an der Halsschlagader, der Durchtrennung von Gehirnnerven oder Transplantationen jeglicher Art (Knochenmark, Leber, Lunge, Herz oder Darm).
Aber nur die Gesunden mit einer normalen Lebenserwartung werden aus den Teststätten entlassen. Direkt aus der Veterinärmedizin in Gießen bekam Elisabeth D. ihren Happy vor drei Jahren. „Na klar, ist der anders, der hat nicht dieses Urvertrauen, das ich von meinen vorherigen Hunden kenne,“ erzählt die erfahrene Beagle-Freundin. Drei Jahre war Happy in einem Pharmaunternehmen. Getestet wurde die Haltbarkeit von Parasitenmitteln. „An den ging in den ersten zwei Jahren überhaupt keine Zecke dran, so voll war der mit Gift.“ Danach stand er der Universität als Blutspender zur Verfügung. „Man muss das halt verstehen, dass die Studenten Übung brauchen. Er hat schon ein hartes Leben hinter sich.“ Der Vierbeiner wurde als gesund entlassen. Hunde, die nicht überlebensfähig seien, werden „euthanasiert“, habe Professor N. zuständiger Projektleiter am Fachbereich Veterinärmedizin damals gesagt. Laborhunde seien schon anders, so das Frauchen. Ihre vorherigen Beagle hatten ein Urvertrauen, das habe Happy nicht, trotzdem er viel schmuse und in der Nähe bleibe. Das Spazierengehen habe er erst lernen müssen, anfangs schmiss er sich nach hundert Metern auf den Boden, mittlerweile laufe er schon 1,5 Stunden.
Der treue Kamerad, anhänglich und sanftmütig bereitet wenig bissige Schwierigkeiten, weder im Hundedasein noch im Labor. Aus diesem Grund wird der Beagle bevorzugt von Tierversuchsfarmen gezüchtet. Einfach ist auch die Haltung des friedliebenden Bellos. Lebt er doch gern in Gesellschaft und kann im Rudel gehalten werden. Ob toxikologische Experimente oder Übungstiere an Universitäten, die scheckige Hundeschnauze macht alles mit. Per Katalog werden die Schwanzwedler von Versuchstierfarmen Experimentierstätten angeboten, manchmal sogar „voroperiert“ oder trächtig.
Damit nicht alle Beagles, die ihren Dienst im Labor beendet haben, sterben müssen, hat der Verein Laborbeaglehilfe ein weitreichendes Netzwerk aufgebaut. Ein Gentlemen Agreement regelt die Kooperation mit den Laboratorien aus Deutschland und dem näheren Ausland. Über 300 gesunde Labor-Beagles wurden seit der Gründung in 2007 vermittelt. An die Leine müssen sie sich erst gewöhnen und an den aufmerksamen zugewandten Menschen, viele sind es nicht gewohnt, lange spazieren zu gehen, manche fressen nicht, sind apathisch. Ronja schlief anfangs nur auf dem nackten Fußboden bevor sie die Vorzüge eines Sofas entdeckte. Über die Versuche, denen die Vierbeiner ausgeliefert waren, erfahren die neuen Frauchen und Herrchen nichts, aber der ein oder andere Findige macht sich trotzdem einen Reim, zum Beispiel über den Impfstempel oder die Gewohnheit, sich beim Anblick eines Tierarzttisches auf den Rücken zu legen und alle Beinchen von sich zu strecken.
„Unser Paul sieht den Tierarzt und zeigt die Zähne, deswegen wollten die den abgeben,“ berichtet Simone S., „der erste hat den Kopf weggedreht und die Pfote hingehalten, nach dem Motto: mach, aber mach schnell.“ Seit acht Jahren kümmert sie sich um Laborbeagle und würde immer wieder einen nehmen. „Die Bindung ist stärker als zu einem normalen Hund, weil man sich mehr um ihn kümmert. Paul ist verfressen bis zum Geht-nicht-mehr. Er klaut alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Er macht Männchen und Rolle und alles Mögliche, damit mein Kind (1) was runterfallen lässt,“ freut sie sich. Die Beagles vertragen sich gut und passen sich den Familien an, das höre sie immer wieder. „Hier,“ zeigt sie auf die fröhlich herumtollenden Beagles. Tatsächlich hört man freudiges Gefiepe, hier und da ein Kläffer, aber kein einziges Knurren, kein eingezogener Schwanz. Die Beagles fühlen sich wohl miteinander.
Von aufgewecktem intelligentem und von ausgeglichenem Wesen sind sie. Liebenswürdig und ohne Anzeichen von Angriffslust oder Ängstlichkeit. Mit Katzen und Kindern sind sie freundlich, nur wenige Macken kennt man von ihnen wie das listige Aufspüren von Leckereien und das umgehende Vertilgen derselben oder heftige Reaktionen auf Einsamkeit. Wenn solche ein kurzhaariger Vierbeiner in eine Familie aufgenommen wird, steht der Verein mit Rat und Tat zur Seite. Der Umgebungswechsel ist vergleichbar mit der Reise auf einen neuen Planeten, alles will neu gelernt und entdeckt werden. Zum Glück ist der treue Kamerad grundsätzlich neugierig, so dass keine der aufnehmenden Familien die Entscheidung bereute, im Gegenteil, jede würde sofort wieder einen Beagle nehmen.
Spektakuläre Beagle-Befreiungsaktionen wie bei der BASF AG oder Harlan-Winkelmann lehnen die engagierten Helfer ab. Sie favorisieren die Kooperation und Politik der kleinen Schritte. Im übrigen seien Tierversuche für die Zulassung von Medikamenten in Deutschland vorgeschrieben. Unter folgenden Links kann man sich im World Wide Web informieren: www.laborbeaglehilfe.de, www.aerzte-gegen-tierversuche.de, www.crying-animals.de, www.harlan-schliessen.de. Eine Datenbank gibt Informationen über durchgeführte Versuchsarten: www.datenbank-tierversuche.de
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