4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYTodesrad - gesellschaftskritische Literatur

Carlos ist ein guter Lehrer
Die Camadis im Todesrad und auf dem Hochseil

zirkusfamilie
El pendulo de la muerte (Das Pendel des Todes) heißt das Todesrad auf Spanisch. Carlos Camadi (49) sah es zum ersten Mal als Artist in den USA. Beim Zirkus Flic Flac fragte ihn der Direktor, ob er eine Artistennummer für das Pendel erarbeiten könne. Carlos Camadi sagte zu. Das war vor sieben Jahren. Seit zwei Jahren ist er mit seiner Truppe Camadi auf Hochseil und Todesrad mit dem Zirkus Universal Renz unterwegs. Die Truppe stellte er aus Familienmitgliedern Sohn Alejandro (22), Neffen Victor (23) und Diego (19) zusammen, die alle aus Kolumbien einflogen. Auch Tochter Joana (11) und Sohn Kevin (7) trainiert der Neunundvierzigjährige. Das Töchterchen tanzt in eigener Show auf dem Seil, macht Handstand, Spagat und springt Seilchen. Weil sie noch zur Schule geht, nur in den Nachmittagsvorstellungen.

Die vier Männer fahren Einrad auf dem 16 Millimeter breiten Seil, verknoten sich ineinander und bilden Pyramiden auf Stangen und Rädern. Angst haben Carlos und sein Sohn Alejandro nicht, die Brüder Diego und Victor jedoch schon. Aber Carlos sei ein guter Lehrer, mit ihm fühlen sie sich sicher. „Anfangs musste man sie motivieren,“ meint der erfahrene Artist. „Sie wollten nicht aus dem Todesrad springen. Aber jetzt werden sie manchmal übermütig. Dann drehen sie das Rad immer schneller und probieren einfach gefährliche Dinge aus. Dann muss ich mit ihnen schimpfen.“

Es sei besser, dass der Papa so streng ist, meint Töchterchen Joana. „Das ist besser, weil man merkt, wenn man einen Fehler gemacht hat. Wenn einer sagt, das ist nicht schlimm, dann lernt man auch nichts.“ Carlos selbst sei viele Male vom Hochseil gefallen. Es sei niemand da gewesen, der ihm gesagt habe, hey, mach’ mal langsam. Als Zirkusjunge des Circus de Bébé war er mit seinen Eltern in Kolumbien unterwegs. Er moderierte die Shows und machte den Clown. Erst mit neunzehn interessierte er sich für Akrobatik, aber niemand habe es ihm gezeigt und so brachte er es sich selbst bei. Mit zweiundzwanzig war er so gut, dass er von anderen Zirkussen angeworben wurde, so reiste er in den USA und Deutschland. Die Zeit des Trainings sei eine harte Zeit gewesen, aber „es ist niemals zu spät, wenn man an sich glaubt und ein Ziel erreichen will, dann erreicht man es.

Als ich 22 war habe ich schon als Artist gearbeitet. Es war sehr schwer, aber ich habe es geschafft. All die Fehler, die man machen kann, es ist ja gefährlich. Ich hatte niemand, der mir gesagt hätte, pass auf, das ist zu gefährlich.“ Früher habe er noch ohne Sicherheitsmatte gearbeitet, das ist für ihn heute undenkbar. Zunächst prüft er alle Sicherheitsvorkehrungen, bevor er seine Jungs an die Arbeit lässt. Auch das tägliche Training gehört dazu. Nach jeder Show trainiert die Truppe bis nach Mitternacht und in den frühen Morgenstunden geht es schon weiter. An einer neuen Show arbeitet die Gruppe mindestens ein Jahr, bevor sie den Zuschauern vorgestellt wird. Alle mögen ihre Arbeit und sind begeistert vom Zirkusleben. „Wir lieben es und deswegen fällt es uns leicht“, meinen sie einhellig. Sie freuen sich, wenn sie mit ihrer waghalsigen Akrobatiknummer auf zehn Metern Höhe die Zuschauer begeistern können, wollen glücklich machen und Freude bereiten. (von 2008)
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