4/r9BJ9o3L3IECWxgXlUgxP-jkfpiHEK82IzwdT-28vbYTraum im Polarnebel - gesellschaftskritische Literatur
Mein Leben ist mein Sonnentanz
16. Januar 2018

Traum im Polarnebel

Von Juri Rytchëu

Unionsverlag 2005, übersetzt von Arno Specht, 369 Seiten

Der Roman vereint sinnliche Sprache, liebevoll intensive Erzählweise aus dem Land der Tschuktschuken, ein Land an der Beringstraße im Osten Sibiriens, Abenteuer eines Weißen in einer ihm fremden Kultur, Weisheit und den tiefen Einblick in die Lebensweise von Menschen, die in Kälte und Eis ihr Überleben meistern.
Der Roman ist kein erotischer Roman, aber ähnlich wie ich Erotik definiere, ein sinnliches Vergnügen, insbesondere wegen seiner bildhaften Sprache und intensiven Erzählweise. Er ist leise, kritisch, macht nachdenklich und gleichzeitig ist er ein spannendes Abenteuer.

Protagonist John MacLennan zerschmettert sich beim Versuch, das amerikanische Schiff aus dem Eis zu befreien, beide Hände. Die Tschuktschuken Orwo, Armol und Toko retten ihm das Leben, in dem sie ihn der Schamanin Kelena anvertrauen. John überlebt, aber sein Schiff hat die Küste vor Enmyn verlassen. Er lebt von nun an bei Toko, dessen Frau Pylmau und Sohn Jako. Orwo näht ihm Handhilfen und John wächst in das Leben eines tschuktschukischen Jägers hinein. Als Toko stirbt, heiratet er Pylmau und gründet selbst eine Familie. Immer wieder ist er Prüfungen in Begegnungen mit der russischen und amerikanischen Welt ausgesetzt, am Ende sogar in der Begegnung mit seiner Mutter.

Nachdem John am Anfang und im Verlauf des Romans immer wieder mit eigenen Vorurteilen gegenüber den „Wilden“ konfrontiert ist, wird er am Ende selbst zu einem Tschuktschuken.

„Zwei Frauen, bis an die Hüften nackt, hantierten beim Schein der Flammen. Mit ihren schmalen, glänzenden Schultern, der entblößten Brust und dem langen, ins Gesicht fallenden, zotteligen schwarzen Haar erinnerten sie an Nixen. Sie trugen weiche Fellhosen und ebenfalls aus Fell gefertigte, bestickte Schuhe.“

Insbesondere die Begegnung mit der Schamanin Kelena ist ihm extrem unheimlich, aber sie kann sein Leben retten und er erkennt die Gutmütigkeit, die in ihrer Seele wohnt.

„„Mehr Blut, mehr Blut!“ sagte die Schamanin dabei. „Möge das Blut des jungen Hundes deine Wunden umspülen und dir seine Kraft und Stärke verleihen.“ …
Nachdem die Schamanin die zerschmetterten Hände mit Hundeblut bespült hatte, ergriff sie das Messer und operierte so gewandt. und sicher, als hätte sie nicht Menschenhände, sondern Seehundflossen oder Rentierläufe unter den Händen. Rasch glitt die Klinge über die Gelenke und trennte herabhängende große Hautfetzen zurücklassend, die Knochen ab.“

Eis, Schnee und Kälte bestimmen das Leben der Tschuktschuken, in das John hineinwächst.

„„Der im Nachtfrost verharschte Schnee sprang klirrend unter seinen Schritten. Darunter aber spürte man eine weiche, nachgiebige Schicht, die einen beladenen Hundeschlitten nicht mehr trug. …
„Bald lassen wir die Baidaren zu Wasser,“ sagte der Alte froh und bewegt. „Schau dorthin, … Siehst du den dunkles Streifen dort am Himmel? Da spiegelt sich das offene Wasser. Wenn es auch noch lange hin ist, wird der Südwind eines Tages wehen, und das Meer wird Enmyn wieder näher sein.“
„.. woher wisst ihr, wann es Zeit ist, die Seefahrt wieder einzustellen?…
„Das weiß doch jedes Kind,“ … „Wenn das Sternbild des Einsamen Mädchens schräg über dem Pestschannaja-Fluß steht.““

Er ernährt sich von Seehund, Walross und Rentier und lernt mit seinen zunächst zu nichts mehr zu gebrauchenden Händen zu jagen, gemeinsam mit seinen neuen Freunden Toko, Orwol und Armol.

„Der Atem des Ozeans ging leise. Wellen schlugen klatschend gegen die bläulich schimmernden Eisbrüche. Toko blickte nach Osten, wo sich die ferne Landzunge wie ein dunkler Finger ins Meer schob. Obgleich der Himmel über den Felsen klar war und nichts auf einen Wetterumschwung hindeutete, musste man im Frühling auf der Hut sein. Der Wind konnte plötzlich umschlagen und die von Rissen zerfurchte Eisdecke in einzelne Schollen zerteilen, auf denen die Jäger in die offene See trieben. Außer dem taktmäßigen Aufklatschen der vom Eis auf die Wasseroberfläche fallenden Tropfen unterbrach kein Ton die Zeit des Wartens. Immer wieder tauchten Seehunde auf, die so behäbig an Toko heranschwammen, dass er sie mit dem Fischhaken hätte greifen können.“

„Die Sonnennächte in der Beringstraße waren für die Jäger anstrengend. John hatte bereits aufgehört, die Tage zu zählen, die sie in der Baidare auf hoher See verbrachten. Längst hatte er sich daran gewöhnt, sein Nachtlager auf dem unsicheren Grund treibender Eisschollen zu errichten. Er weidete Walrosse aus, brach ihre Zähne heraus, aß die rohe Leber, trank kräftige Walrossbrühe und kämpfte gegen den Schlaf an. Vom langen Absuchen der glänzenden Meeresoberfläche waren seine Augen entzündet, seine Haut gegerbt und wettergebräunt wie die der tschuktschukischen Jagdgenossen.“

Nicht nur er, auch die Tschuktschuken stehen vor der Aufgabe, Misstrauen und Vorurteile zu überwinden.

„„Die Menschen in den kalten Ländern müssen einander durch Güte erwärmen“, sagte der alte Mann. „Jeder sollte es so halten. Güte ist genauso nötig wie Beine, Nase oder Kopf. Bei allen Menschen auf der Erde aber ist es so, dass die Angehörigen eines Stammes den Angehörigen des anderen Stammes misstrauen. Für manches Wolk sind die Menschen des eines anderen Volkes nicht einmal Menschen…““

Auch Religion und Legenden führen zu Missverständnissen oder handeln davon, dass es keine selbstverständliche Gleichheit unter Lebewesen gibt.

Eine dieser Legenden aus dem Glauben der Tschuktschuken handelt von der Weißen Urmutter, die nicht nur Menschen, sondern auch Wale gebar. Es ist die Geschichte eines schönen Mädchens, das sich mit einem Grönlandwal paart. Der Wal lebt mit dem Mädchen an der Küste. Die Walkinder gehen ins Meer und besuchen ihre Eltern. Aber ein Menschensohn tötet einen zutraulichen Wal in Zeiten des Hungers, der oftmals allgegenwärtig ist. Als der Wal stirbt, sagt die Urmutter zu ihrem Sohn:

„„Wenn du heute deinen Bruder tötest, weil er dir nicht ähnlich ist, wirst du morgen…““
Aber die Urmutter stirbt, bevor sie ihren Satz beenden kann.

Das Buch von Juri Rytchëu ist ein äußerst ungewöhnliches und sprachlich meisterhaftes Werk, das unbedingt lesenswert ist.

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